Entnazifizierung in Österreich

Joseph Sierra-Williams
7 May 2014

Ich war gerade einmal ein paar Tage in Wien, bevor mir der Unterschied zwischen dem deutschen und dem österreichischen Umgang mit der Entnazifizierung zum ersten Mal bewusst wurde. Am Ende jeder E-Mail, die ich von der Universität Wien erhalten hatte, stand die Adresse: Dr. Karl-Lueger-Ring 1. Als ich aber das Gebäude meiner neuen “Alma Mater auf Zeit” mit ihrem herrlichen Stil der Neorenaissance zum ersten Mal bewunderte, bemerkte ich das glänzende blaue Schild darauf: Universitätsring 1. Am gleichen Tag, bei einem Termin mit einer (italienischen) Professorin, fragte ich, ob sie mir diese Abweichung erklären könnte. Eine Augenbraue nach oben gezogen antwortete sie, dass Dr. Karl Lueger, ehemaliger Bürgermeister der Stadt, ein großer Antisemit gewesen sei und dass es dem Staat erst jetzt – im Jahr 2012- eingefallen wäre, den Namen der Straße zu ändern.

Antisemitismus nahm  in der europäischen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts einen aus heutiger Sicht bedrückend und erschreckend großen Raum ein. Aus diesem Grund sind die Namen vieler historischer Figuren aus dieser Zeit heutzutage verdorben. Bundeskanzlerin Angela Merkel darf trotzdem jährlich die Bayreuther Festspiele besuchen, weil man in diesem Fall zwischen dem Künstler und seinem Werk unterscheiden kann. Lueger aber war kein Künstler wie Wagner, sondern Politiker, dessen Populismus die Rassenlehre Hitlers und der NSDAP inspirierte. Hitler zog 1905 nach Wien, Lueger war zu dieser Zeit dort Bürgermeister. Wie tief Lueger Hitler beeindruckt und wohl auch prägte zeigt sich zum Beispiel daran, dass Hitler sich in „Mein Kampf“ auf ihn bezieht.

Es überraschte mich sehr, dass dieser Straßenname bis zum Jahr 2012 bestehen geblieben war, insbesondere weil es sich um die Adresse der Universität handelt. Die Adresse eines intellektuellen Zentrums. In riesiger Blockschrift findet sich hier an einer Wand der aus den Revolutionen des Jahrs 1848 stammende Schriftzug “Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei“. Dieser Anspruch der Ausbildungsfreiheit steht im klaren Gegensatz zum Handeln der Nationalsozialisten. Es ist traurig und ironisch zugleich, dass der Name eines ideologischen Wegbereiters der Nazis derartig lange diese Universität zieren durfte.

Warum nur dieser Unwille, Österreichs Nazigeschichte zu bewältigen? Die Wurzel des Problems liegt in der 1943 von den Alliierten geschriebenen Moskauer Deklaration, worin steht:

“Die Regierungen des Vereinigten Königreiches, der Sowjetunion und der Vereinigten Staaten von Amerika sind sich einig, dass Österreich, das erste freie Land war, das der typischen Angriffspolitik Hitlers zum Opfer fallen sollte.”

Dieser Ausschnitt, vollkommen von seinem Kontext abgekoppelt, führte zum sogenannten “Opfermythos” der zweiten österreichischen Republik (die seit 1945 bis heute besteht). Die Umbenennung des ehemaligen Erzherzog-Karl-Platzes in Mexikoplatz ist ein gutes Beispiel für dieses verzerrte Selbstbild. Die Umbenennung ist nicht darin begründet, dass Erzherzog Maximilian Kaiser von Mexiko war. Der (unbegreifliche?) Grund dafür ist, dass Mexiko das einzige Land war, das sich vor dem Völkerbund gegen den Anschluss ausgesprochen hatte. Unmittelbar nach dem Grauen des Zweiten Weltkrieges, in den Nachkriegs-Wirren wäre diese Umbenennung vielleicht noch verständlich. Schockierend allerdings ist es herauszufinden, dass der Gedenkstein in der Mitte des Platzes im Jahr 1985 aufgestellt wurde. Auf dem Stein steht folgendes:

“Mexiko war im März 1938 das einzige Land, das vor dem Völkerbund offiziellen Protest gegen den gewaltsamen Anschluss Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich einlegte. Zum Gedenken an diesen Akt hat die Stadt Wien diesem Platz den Namen Mexiko-Platz verliehen.”

Die Beschreibung des Anschlusses als “gewaltsam” zeigt mindestens Selbsttäuschung und eine große Diskrepanz zwischen der Selbstwahrnehmung und der außerhalb Österreichs allgemein verbreiteten Vorstellung über die Rolle Österreichs während des Zweiten Weltkrieges und den Ereignissen des Jahres 1938, und vielleicht sogar eine mutwillige Umdeutung der Geschichte.

Nach dem Krieg wurden die Renten der österreichischen Bürger, die in der Wehrmacht gedient hatten, vom österreichischen Staat bezahlt. War dies also eine beispiellose Geste von Großzügigkeit? Ein Staat übernimmt die Verpflichtungen eines fremden Besatzers, wenn dieser das Land und das Volk “gewaltsam” ins Militär einberufen hat? Wohl eher nicht.

Doch heutzutage gibt es Fortschritte in diesem Bereich. Bei dem diesjährigen Konzert der Wiener Symphoniker am Tag der Befreiung auf dem Wiener Heldenplatz, sprach Bundeskanzler Werner Faymann über die Schuld, die Österreich wegen seiner nationalsozialistischen Vergangenheit trage. Übrigens ist es von Bedeutung, dass dieses Konzert am Heldenplatz stattfand. Hier, vom Balkon der Hofburg, sprach Hitler zum österreichischen Volk, als er 1938 in die Stadt kam. Seitdem hat niemand von dort aus mehr eine Rede gehalten.

Dieser Fortschritt wirft aber auch Fragen der Relevanz der landespezifischen Vergangenheitsbewältigung oder Schuld in der Gegenwart auf. Die Zeit schreitet unaufhaltsam voran und wir entfernen uns immer mehr von den unbeschreiblichen Grausamkeiten des Holocausts. Es gibt immer weniger Menschen, die als Zeitzeugen über diesen Abschnitt der Geschichte berichten können. Ist es überhaupt noch sinnvoll, diese Schuld einer Nation zuzuordnen, oder sind die Ungeheuerlichkeiten des Naziregimes als entsetzliche Darstellung dessen anzusehen, wozu die Menschheit fähig sein kann?

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